SUSANNA

Ich bin Jahrgang 1940, also über 60 Jahre alt und kenne daher das Leben. Mit 20 Jahren habe ich ein uneheliches Kind geboren - damals eine Schande. Eine Abtreibung wurde vom Arzt abgelehnt. Meine Eltern haben mir zwar finanziell geholfen aber sonst wurde ich allein gelassen. Ich musste mein Kind in einem Kinderheim in der französischen Schweiz zurücklassen und ging zurück nach Zürich. Nach einiger Zeit habe ich dort wieder angefangen zu arbeiten und suchte deshalb einen Krippenplatz für mein Kind. Das war im Jahr 1961 und es war trotz intensiver Suche kein Platz zu finden, auch nicht in der Umgebung. Ich war genötigt, mein Kind 100 km weit weg zu platzieren. Ohne Auto war es mir unmöglich, eine Beziehung zu meinem Kind aufzubauen. Zudem war das Kinderheimleiterehepaar nicht gerade hilfreich, war mein Kind doch das einzige Baby und die Frau war nicht in der Lage Kinder zu gebären. Den Rest können Sie sich ausmalen: Nach 6 Jahren habe ich aufgegeben und ihnen das Kind zur Adoption freigegeben!

Im Jahr 1963 habe ich dann geheiratet und ein weiteres Kind bekommen. Danach wurde ich mehrmals schwanger, obwohl ich jeden Monat durch den Gynäkologen ein Pessar einsetzen liess. Die Finanzen liessen zu jenem Zeitpunkt keine weitere Schwangerschaft zu und somit habe ich mehrmals abgetrieben, immer sofort, sobald die Periode ausblieb - bis dann die Pille verfügbar wurde. Anfänglich wollte mir mein Arzt nicht helfen, ich habe es dann selbst gemacht, danach war es für ihn kein Thema mehr.

Diese "Abtreibungen" in den ersten Tagen waren für mich keine psychische Belastung sondern eine enorme Erleichterung. Ganz sicher hätte ich mir von niemandem befehlen lassen, dass ich ein Kind auszutragen habe; dies liegt in meiner eigenen Verantwortung. Ich wäre bei Bedarf auch mit der Stricknadel vorgegangen! 

Eine Adoption kann nie eine Lösung sein. Im Gegensatz zu den Abtreibungen habe ich die Adoption bis heute nicht verkraftet, obwohl ich Kontakt zu meinem längst erwachsenen Kind habe. Keine Mutter gebärt ein Kind, um es dann wegzugeben, das ist eine menschenunwürdige Praxis und wenn ich das Wort "Babyklappe" höre, wird mir schlecht. 

Susanna 3.6.2002