MARIA MAGDALENA ISCHER

Die Babytasche ist königsblau und verschwindet auf dem Rücksitz des Autos. Das seh ich noch heute vor mir. Ich renne auf den Wagen zu. In der Tasche ist mein zwei Monate alter Sohn. Die Fürsorgerin aus Bern hat ihn im Auto verstaut. Ich schreie. Aber der Wagen verschwindet in den Appenzeller Hügeln. Meinen Sohn habe ich nie mehr gesehen. Damals, 1966, war ich 17 und im Lärchenheim, einem Mädchenheim in Lutzenberg im Kanton Appenzell Ausserrhoden, versorgt. Schon mit zwei Jahren wurde ich von den Vormundschaftsbehörden in ein Heim eingewiesen, weil meine Eltern nicht mehr für mich sorgen konnten. Und in Heimen wuchs ich auf, wurde geprügelt und ungerecht behandelt. Als ich vier war, banden mich katholische Ordensschwestern nach einer Kissenschlacht zur Strafe an einen Heizkörper. Mit acht wurde ich vom Vormund gezwungen, den Randensalat zu essen, den ich in den Teller erbrochen hatte, weil ich auf dieses Gemüse allergisch bin. Mit zwölf floh ich vor meinem Pflegevater, der mich sexuell belästigt hatte. Dafür kassierte er sechs Monate bedingt.

                                                           RAVIA Mitglied     Frau  Maria I.