KATHARINA

Man kann dahinsterben, ohne dass man aus dem Fenster springt, es muss nicht einmal jemand merken. Ich kann am Wochenende als Leiche nach Hause fahren, am Sonntagabend zurück, und dennoch muss man es mir nicht anmerken. man nimmt einen Adoptierten einfach nicht recht ernst, verdrängen soll er es! Ich lache, bin fröhlich! Ich spiele meine Rolle durch und durch. Niemand sieht das ich mich einsam, bodenlos und mit Ängsten und Schulgefühlen kämpfe.

Ich finde es nicht Recht, wie man mich behandelt. Ja, ich wehre mich als Adoptierte. Ein Behinderter muss auch kämpfen, damit er durchkommt, aber ihn nimmt man ernst. Einem Kranken gibt man Pflege, wenn es ihm schlechtgeht. Wenn es aber ein Adoptierter nur einmal wagt aufzuschreien, weil er atmen möchte, endlich atmen möchte unter dieser Decke von verdammten Gesetzen, Akten und Tabus, dann fragt man ihn nur, warum er schreit; ein Schönheitsfehler, ein anscheinend verheilte Narbe tue doch gar nicht weh....

Aus dem Tagebuch der damals 19 Jährigen Katharina: "Oh, ich finde, auch da soll Gerechtigkeit herrschen. Ich bin weder krank noch behindert, aber ich bin adoptiert und habe Gefühle."

Heimkind und ehemalige Adoptierte   Katharina