ZEITZEUGEN BERICHTEN

Aus Datenschutz gegenüber den Opfern und Betroffenen, veröffentlicht IG Zwangsadoption-Schweiz & missglückte Adoption von seinen Mitgliedern keine Biografien.

Ausnahme wird gemacht, wen ausdrücklich gewünscht wird, die Biografie zu publizieren. 

Zusätzlich werden mit Zustimmung der Betroffenen, schon Publizierte Artikel veröffentlicht.

Mit 60 Jahren habe ich einen Roller gekauft. Er ist mein guter Freund, schreibt Hebamme Elsje Wirz 1949
Mit 60 Jahren habe ich einen Roller gekauft. Er ist mein guter Freund, schreibt Hebamme Elsje Wirz 1949

BIOLOGISCHE MÜTTER & VÄTER

Hebammen, Spitäler, Geburtshäuser, Mutter-Kindheime und Kinderheime wurden dazu beordert, die Kinder ihren Mütter vorzuenthalten. Auch nicht auf derer bitten und flehen hin, konnten die Mütter ihre Kinder sehen. Die Mütter galten als Liederlich und Arbeitsscheu. Man sagte ihnen nach, nicht im Stande zu sein ein Haushalt und Kind zu versorgen zu können. Dies ermöglichte den Behörden einen repressiven Umgang mit den Verarmten und/oder ledigen Müttern.

Man legte der Mutter ans Herz im Interesse des Kindes zu Handeln und die eigene Zukunft nicht zu verbauen und unterbreitete Ihr, dass die Unterbringung ihres Kindes an einen guten Pflegeplatz für das Kind zu seiner seelischen, geistigen und körperlichen Entwicklung förderlicher sei als Mutterliebe oder das Heim. Mit der Zustimmung der Mutter zur Pflegefamilie konnte der Vormund mit bedacht auf eine zukünftige Adoption ein erarbeitetes Verzichtsschreiben der Mutter unterbreiten.

Im Interesse des Kindes und eines guten, Kinder liebenden, rechtschaffenen Pflegeverhältnisses wurde eine Namensänderung des Kindes miteinbezogen und für eine zukünftige Adoption des Kindes durch die Pflegeeltern mit der Verknüpfung keinerlei Bedingungen an den Verzicht zu knüpfen und auch kein Besuchsrecht gelten zu machen, der leiblichen Mutter zum Unterschreiben vorgelegt.

Bei nicht Unterzeichnen der Adoptionsfreigabe, steckte der Vormund das erarbeitete Papier wieder ein. Der Mutter, resp. auch dem Vater wurde ein schlechtes Leumundszeugnis ausgestellt und bei gegebener Zeit die Protagonisten unter Vormundschaft gestellt. Hierdurch erlangte die Armenbehörde - Vormundschaft die Befugnis, das Baby oder Kleinkind, wesen Heimatgemeinden oft die Alimente erstatteten, zur Adoption freizugeben.

ADOPTIVKINDER

Adoptiveltern haben alle Rechte am Kind, das Kind kennt seine Herkunftseltern in der Regel nicht. Die Adoptiveltern können sich nach dem Adoptionsverfahren in ihr Privatleben zurückziehen. Dem Adoptivkind fehlt eine Lobby, wo sich mit Fragen, Freude und Ängsten hinwenden kann.  

Adoptierte setzen sich früher oder später mit der Frage nach ihrem »Woher« auseinander. Sie alle sind getrieben von der Sucht nach ihren leiblichen Eltern, um sich so ihrer eigentlichen Identität zu vergewissern.

 

Adoptiert, ist also nicht nur ein schönes, oft ein erschütterndes Buch, das uns alle, Betroffene und nicht Betroffene, mit hinein nimmt in seine Fragen und Antworten.


ZWANGSADOPTION - LINAS SCHICKSAL ERLEBTEN TAUSENDE

Die rebellische Lina wird Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen und begegnet rund 40 Jahre später ihrem Sohn, den sie im Gefängnis geboren und zur Adoption hat frei geben müssen. 

 

Ein Dorf im Zürcher Oberland, späte 1960er-Jahre. Lina  ist 17, lebenshungrig und unangepasst. Sie lebt bei ihren Eltern in bescheidenen Verhältnissen, arbeitet im Lebensmittelladen des kleinen Dorfes. Lina träumt von einem Leben mit Julian, ihrer grossen Liebe, und davon, mit ihm in Südfrankreich ein Pferdegestüt zu führen.

Doch die Beziehung zu dem aus gutem Hause stammenden Julian missfällt nicht nur den Eltern der beiden Jugendlichen, sondern nach und nach auch dem Behördenmitglied Fruttiger. Er macht sich Sorgen um die Familie Trachsler. Vater Kurt ist Gelegenheitstrinker und immer wieder ohne feste Arbeit. Lina scheint es ihm ein bisschen zu oft und mit jedem lustig zu haben.

Ein heimlicher Ausflug mit Julian nach Zürich und ungerechtfertigte Vorwürfe des Ladenbesitzers, es fehle oft Geld in der Kasse, bringen das Fass zum Überlaufen: Lina wird zur «Nacherziehung» in ein Heim eingewiesen. Doch Julian hilft Lina zu verschwinden. Übermütig und siegessicher verstecken sie sich in einer Kommune in Zürich. In dieser Nacht schlafen sie zum ersten Mal miteinander und beschliessen, ihren Traum wahr zu machen und nach Südfrankreich zu reisen.

Tags darauf fangen Polizisten und Julians Vater das Paar ab. Julian wird zum Studium in die USA abgeschoben, Lina kommt - nach einer psychiatrischen Abklärung, bei der ihr eine schwere Störung der Verhaltensweise attestiert wird - in die Frauenvollzugsanstalt Hindelbank.

Eingesperrt mit Schwerverbrecherinnen und anderen «administrativ Versorgten» durchlebt Lina Demütigung, Zwangsarbeit und ein Anstaltsregime, an dem sie zu zerbrechen droht, vor allem als sie bemerkt, dass sie mit Julians Kind schwanger ist. Für eine Abtreibung ist es zu spät, und die Anstaltsleitung, die Fürsorgebehörde und auch Linas Mutter drängen sie dazu, das Kind zur Adoption freizugeben. Am Ende ihrer seelischen Kräfte willigt Lina ein. Das Kind wird ihr nach der Geburt gleich weggenommen. Einige Monate später wird sie aus dem Gefängnis entlassen.

Erst 40 Jahre später wird Lina von ihrem Sohn Daniel auf dem kleinen Pferdegestüt im Jura, wo sie nach ihrer Entlassung untergekommen ist, aufgesucht. Zum ersten Mal kann sie von ihren Erlebnissen, aber auch von ihren grossen Träumen und Hoffnungen von damals erzählen. Dies führt nach und nach zu einer heilsamen Annäherung und stillen Versöhnung zwischen Mutter und Sohn.

DIE UNENDLICHE TRAURIGKEIT DES SEINS

Warum bringt sich ein Adoptierter um, der eine Glückliche Kindheit hatte? Auch in Adoptivfamilien, bei denen die Adoption prinzipiell aufgeklärt ist, ist dieses Thema oft mit einer Art Tabu belegt.
Adoptiert sein, bedeutet oft mit ganz vielen Fragen durchs Leben zu gehen, von denen viele nie beantwortet werden. Menschen, die bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen, können das meist nicht wirklich verstehen. Auch ist Adoption in der Schweiz immer noch ein Tabuthema.

In ihrer ersten Langfilm-Doku verarbeitet Annina Furrer den Freitod ihres Adoptiv-Bruders Marius. Es ist Spurensuche und Therapie zugleich.

«Wir haben nicht damit gerechnet», gibt Annina Furrer unumwunden am Anfang ihres Filmes zu. Und doch ist es passiert, das Schlimmstmögliche. Am 17. November 2009 verliess ihr Bruder Marius die psychiatrische Klinik in Zürich, fuhr mit dem Zug nach Bern, und stürzte sich dort von der Kornhausbrücke.

Der Freitod von Marius erschütterte die Familie und Marius' Freundin zutiefst. Danach versuchte man sich so gut wie möglich damit abzufinden, womit sich besonders Annina Furrer schwertat. Respekt für die Entscheidung ihres Bruders aufzubringen, das konnte sie nicht. In ihrer Aufgebrachtheit machte sie sich daran, das Geschehene mit einem Dokumentarfilm zu verarbeiten. Darin geht sie gemeinsam mit ihrer Familie auf eine Spurensuche, welche die Bruchstellen in Marius’ Leben hervorbringen soll.

Auf dieser Rekapitulation der Vergangenheit, die sich über Gespräche in der Familie, über geschriebene Briefe, aufgenommene Bild- und Tondokumente facettenreich präsentiert, kristallisiert sich mit der Zeit heraus: Auch die positivsten Gegebenheiten in einer Familie beugen solcher Unglücke nicht vor. Könnte Marius' Adoption eine Weichenstellung gewesen sein? Das Schicksal selbst entkräftet diesen Verdacht zu einem gewissen Grad. Erfahren wir doch, dass Elisabeth, die leibliche Schwester von Annina Furrer, ebenfalls Suizid beging. 18 Jahre vor Marius.

Zwei solch schreckliche Ereignisse sind eine riesige Hypothek für eine einzelne Familie. Deshalb ist es ungemein couragiert von Annina Furrer, solch einen Film zu realisieren, und von ihrer Familie, sich auf diesen Einzulassen. Einzig der Vater verzichtete darauf; seine Gründe legt er in einem bewegenden Brief nachvollziehbar dar.

In der wohlüberlegten Struktur und der ausgewogenen Vermengung von Unterhaltungen, Zeitdokumenten und ruhenden Landschaftsbildern, über denen das Gesprochene zu liegen kommt, erkennt man den Erfahrungsschatz von Annina Furrer die für das SRF bereits zahlreiche Dokus gedreht hat. Die Recherche behält sie sachlich; Raum für Emotionen schafft sie sich mit ihren Worten aus dem Off. Tiefe Eindringlichkeit entwickeln vor allem die Tondokumente von Marius, einer Art Tagebuch, die er seinerzeit geführt hat. Visuell sind es die gemalten Bilder von Elisabeth, die uns in schwer ertragbarer Deutlichkeit mit Qual und Einsamkeit konfrontieren.

Dem Himmel zu nah ist ein Film, der es eindrucksvoll schafft, den Schmerz und die Unverständnis über den Verlust eines geliebten Menschen nachzuempfinden. Der zeigt, dass manche Seelen verloren sind, egal wie sehr man ihnen zu helfen versucht. Und der es letztendlich doch auch vermag, den Zuschauer mit einer hoffnungsvollen Note aus dem Kino zu entlassen.

Text verfasst von Urs Arnold


Ich Lisa Brönnimann, selbst Opfer von Zwangsadoption und physischem, psychischem und sexuellem Missbrauch, halte Vorträge an Schulen, sozialen Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen und nehme an Podiumsdiskussionen teil.

Lese aus meiner Autobiografie  »NIEMANDSKINDER verdingt und verachtet. Meine Kindheit in der Schweiz«  und als langjährige Begleiterin, gebe ich an Opfer, Betroffene, Fachpersonen, Studenten und Interessierte Empfehlungen ab. 

 

 

Anfragen oder Anregungen richten Sie bitte an Kont@kt


Aktualisiert am 23. Januar 2017