Manche Betroffene waren im Lauf ihrer Kindheit - Jugendzeit
sowohl Heimkind als auch Verding- Pfleg- und Adoptivkind.
Erlitten Zwangsabtreibung, Zwangssterilisation, -kastration, Zwangsadoption und auch administrative Versorgung
BEGRIFFSERKLÄRUNG FÜRSORGERISCHE ZWANGSMASSNAHMEN = FSZM
Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts wiesen Armenpflegen, Waisenämter, Vormundschaftsbehörden, oft auch in Zusammenarbeit mit privaten Institutionen wie  Jugendschutzkommissionen, Pro Juventute, Seraphische Liebeswerke, Gotthelf-Stiftung, Heilsarmee, Frauenvereine, Armenerziehungsvereine, Mutter-Kindheime; - Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, aber oft auch deren Mütter und Väter, in Anstalten ein, weil ihnen Liederlichkeit, Arbeitsscheu oder lasterhafter Lebenswandel vorgeworfen wurde.
Sehr oft wurden diese Einweisungen und administrativen Versorgungen angeordnet, ohne dass den Betroffenen das Recht auf eine gerichtliche Überprüfung eingeräumt worden wäre. Vielmehr genügten dazu einfache Verfügungen, oft auch bloss mündliche Abmachungen unter den über die Schicksale dieser Mitmenschen Bestimmenden.
Auch an den Orten, wo die Betroffenen im zug solcher „Versorgungen“ untergebracht wurden, wurden die Rechte vieler Betroffener nicht gewahrt. Kinder wurden als Verding-, Pfleg-, Heim- und Adoptivkinder oft schlecht ernährt und gekleidet, viele wurden misshandelt, oft auch sexuell missbraucht. Zahlreiche Jugendliche und Erwachsene wurden in Strafanstalten oder geschlossenen Abteilungen von psychiatrischen Anstalten untergebracht und verbrachten dort den Alltag mit Strafgefangenen oder psychisch Kranken.
Die Eltern der so Inhaftierten wurden in vielen Fällen im Unklaren über das Schicksal ihrer Kinder gelassen. Wenn sie sich dagegen wehrten, kam es nicht selten vor, dass sie selber in Zwangsarbeitsanstalten oder in psychiatrische Kliniken eingewiesen wurden. 
In den Anstalten selber kam es vielerorts zu schwerwiegenden Verletzungen der persönlichen Integrität. Besonders gravierend ist aus heutiger Sicht die hohe Anzahl forcierter Adoptionsverfahren mit der Folge, dass sehr viele der betroffenen Mütter noch heute nicht wissen, wo ihre Kinder sind. Es kam auch zu Zwangsabtreibungen und zu Zwangssterilisationen insbesondere an unverheirateten Frauen aus der Unterschicht. Wobei zu letzterem einzig im Kanton Waadt eine gesetzliche Grundlage bestand.
Oft wurden die Betroffenen vor die Alternative gestellt, entweder diese schwerwiegenden medizinischen Eingriff über sich ergehen zu lassen, oder aber lebenslänglich in Anstalten interniert zu verbleiben. Manche Zwangssterilisationen wurden auch ohne Wissen der Betroffenen durchgeführt und beispielsweise als Blinddarmoperationen ausgegeben.
Quelle: 2013 erarbeitet von den Vereinen administrativ-Versort, netzwerk-Verdingt, Fremdplatziert, Zwangssterilisation und Zwangsadoption-Schweiz. Zu Händen des Runden Tisch für Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

Vielen ist nicht bewusst, dass die Freiheiten die wir heute geniessen,

wie Partnerwechsel, Konkubinat, uneheliche Kinder, Abtreibungen, noch vor einigen Jahrzehnten in der Schweiz, jedem zum Verhängnis werden konnte.


OPFER UND BETROFFENEN ORGANISATIONEN


ADMINISTRATIV VERSORGT

Frauengefängnis Hindelbank
Frauengefängnis Hindelbank
Bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, wurden in der Schweiz Tausende jugendliche und  mündige Frauen und Männer, von Vormundschaftsbehörden, Amtsvormündern, Beiständen und Psychiatrischen Kliniken, "ohne straffällig" geworden zu sein, also ohne jegliche juristische Prozedur, mit fadenscheiniger Argumentation, für meist unbestimmte Zeit, in Strafvollzugsanstalten zur Zwangsarbeit inhaftiert, oder in die geschlossene Psychiatrie versorgt. 
Frauen denen man das Baby oder Kind wegnahm, drohte man mit administrativer Versorgung, sollte sie die Adoptionsfreigabe nicht Unterschreiben. Zahlte der Vater keine Alimente, weil das Geld ihm fehlte, wurde er zur Arbeitserziehung versorgt und Mütter die sich für ihre Kinder einsetzten und Rekurs verlangten, mussten mit einer Einweisung in die Psychiatrie rechnen.
Rekurs Möglichkeiten gab es nicht, denn man musste sich an die einweisende Behörde richten, die Einsprachen wurden von diesen logischer Weise systematisch zurück gewiesen. Neben der Inhaftierung und Zwangsarbeit, wurde von den Opfern oder deren Eltern - Angehörigen verlangt, dass diese den Aufenthalt in den Gefängnissen - Psychiatrien bezahlten. Das heisst, es wurden „Pensionskosten“ (Pflegekosten) erhoben.
Um eine Idee zu bekommen, in welchem Ausmass diese Massnahmen ausgesprochen wurden, muss man sich vergegenwärtigen, dass teilweise die Gefängnisse mit über 50% von Administrativ Versorgten belegt waren! Für den Staat ein lukratives Geschäft. 
Die Opfer wurden für die Arbeit nicht entlohnt und AHV wurde für sie nicht einbezahlt, was sich bei der Pensionierung in der AHV Auszahlung stark auswirkt. Die administrative Versorgung hatte nicht nur Auswirkung auf die Körperliche und Seelische Verfassung! Die Opfer sind für ihr Leben gekennzeichnet als Sträfling oder psychisch Krank zu sein. Was bei den Opfern dazu führte, im Arbeitsmarkt keine Lehrstelle und Arbeit zu erhalten. Mütter welche die Freigabe zur Adoption verweigerten, oft noch zusätzlich sterilisiert wurden und mit Foltermethoden gefügig gemacht wurden. Ihr Kind sahen sie oft für Jahrzehnte nicht. Viele suchen jetzt noch nach ihrem Kind.
Die gängigen Argumente, die den Opfern vorgeworfen wurden, hiessen: sie genügten den damaligen Moralvorstellungen nicht. Sie galten als verwahrlost, liederlich, arbeitsscheu und stammten meistens aus schwierigen Familienverhältnissen.
Quelle: Verein RAVIA - administrativ Versorgte und Zwangsadoption-Schweiz

ZWANGSSTERILISATION, -KASTRATION & ZWANGSABTREIBUNG

Operationssaal im 19. Jahrhundert
Operationssaal im 19. Jahrhundert
Bis in die 1980ger Jahre wurden in der Schweiz aus Sozialhygienischen und Wirtschaft sozialen gründen, Zwangssterilisationen, Zwangskastrationen und Zwangsabtreibungen durchgeführt. Die Sterilisation oder Kastration durfte zwar nur mit der Einwilligung der oder des Betroffenen geschehen. Um diese Einwilligung zu erhalten, wurde in vielen Fällen enormen Druck, etwa durch die Androhung des Entzuges von Unterstützungsleistungen und  Verwahrung in Erziehungsanstalten, der sogenannten administrativen Versorgung ausgeübt.
Auch einer gewünschten Abtreibung wurde vielfach erst dann zugestimmt, wenn die Betroffene Frau in die gleichzeitige Sterilisation einwilligte.
Es sind Fälle bekannt, dass bei der Geburt eine widerspenstige ledige Mutter auch ohne ihr Einverständnis sterilisiert wurde. Sowie es Fälle gab, denen die/das Opfer keine Kenntnis des Eingriffes hatte und erst bei erfolglosem Schwangerschaftswunsch, die Einschneidende Tragik des Eingriff bewusst wurde. Nicht selten haben Opfer heute noch Gesundheitliche Folgeschäden aus dem eingriff.

DIE ROLLE DER PSYCHIATRIE

Viele Psychiater haben im Nationalsozialismus ohne politischen Druck Zwangssterilisationen und Euthanasie-Programme forciert. An vorderster Front dieser freiwilligen Euthanasie stand der Schweizer Psychiater Ernst Rüdin

Historiker haben ans Tageslicht gebracht, wie eng viele Psychiater verstrickt waren in Zwangssterilisationen und Euthanasie-Programme im Dritten Reich. Hunderttausende von Menschen fielen diesen Praktiken zum Opfer.

Die Historiker räumen zudem mit dem Klischee auf, dass die Psychiater unter politischem Druck gehandelt hätten. Viele forcierten Zwangssterilisationen, Euthanasie und  Menschenversuche aus eigenem Antrieb. Ganz vorne dabei war der Schweizer Psychiater Ernst Rüdin.

Kanton St. Gallen Entschuldigt sich bei den Zwangssterilisierten- kastrierten Opfern.
Nach Ansicht der St. Galler Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann sei diesen Menschen «im Namen des Anstandes und gesellschaftlicher Normen» Unrecht geschehen. Dieses Unrecht könne sie nicht rückgängig machen, schrieb die SP-Regierungsrätin. «Es ist mir aber ein grosses Anliegen, mich dafür als heutige Verantwortliche für die psychiatrischen Kliniken und Spitäler unseres Kantons nachträglich in aller Form zu entschuldigen.»     

KOSTGELD-, VERDING- & PFLEGEKINDER

Pflegekinder im Niesenblick. Aus den Akten von Lisa Brönnimann
Pflegekinder im Niesenblick

Verdingkinder gibt es seit Jahrhunderten, wie ein Streifzug durch die Schweizer Literatur zeigt. Das erste Zeugnis stammt aus dem 16. Jahrhundert. Und die Verdingkinder-Geschichten reissen bis ins 20. Jahrhundert (1978) nicht ab.

Verdingkinder wurden von den Behörden, von Verwitweten und armen Eltern weggenommen und Interessierten öffentlich feilgeboten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Kinder oft auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam jene Familie, welche am wenigsten Kostgeld verlangte. Betroffene beschreiben, dass sie auf solchen Märkten "wie Vieh abgetastet wurden".
In anderen Gemeinden wurden sie wohlhabenderen Familien durch Los entscheid zugeteilt. Zugeloste Familien wurden gezwungen, solche Kinder aufzunehmen, auch wenn sie eigentlich gar keine wollten.

Sie wurden auf Bauernhöfen, beim Pfarrer oder besser situierten Familien, als Magd und Knechte wie Leibeigene für Zwangsarbeit eingesetzt.

Nach Augenzeugenberichten von Verding- und Pflegekindern wurden sie häufig ausgebeutet, erniedrigt oder gar vergewaltigt. Einige kamen dabei ums Leben oder begangen Suizid. Ein Taschengeld erhielten sie nicht und auf Schulische Förderung wurde nicht geachtet. Beim Schulabgang wurden vielen eine Lehre verboten. Sie wurden auf dem Hof als Magd oder Knecht zum billig Lohn Tarif angestellt. Anderen wurde eine Lehre vorgeschrieben, wesen nicht der Wunschberuf war und wieder andere flohen ins Ausland. 
Quelle: Verein Netzwerk-Verdingt und Zwangsadoption-Schweiz

HEIMKINDER

Sie betraf seit Gründung der ersten Waisenhäuser, Rettungsanstalten und Armenerziehungsanstalten vor allem Kinder aus der Unterschicht sowie aussereheliche Kinder oder Kinder aus diskriminierten Gruppen (Jenische, Fremdarbeiter), zudem Kinder von Suchtkranken und Waisenkinder.

Die deklarierte Absicht, diesen Kindern bessere Lebenschancen zu bieten als in ihrem familiären und sozialen Umfeld, scheiterte oft an strukturellen und finanziellen Fragen, die zusammenhingen. Weil die Versorger der Kinder (Fürsorge- und Vormundschaftsbehörden) von den politisch vorherrschenden Gruppierungen auf möglichst tiefe Kosten für solche Institutionen eingeschworen wurden, bevorzugten sie grosse Heime, geführt von billigen Arbeitskräften (oft Angehörige katholischer Orden oder evangelikaler protestantischer Gruppen), die zudem durch angegliederten Gartenbau- und Landwirtschaftsbetriebe mittels strenger Kinderarbeit der Zöglinge die Kosten möglichst tief hielten. Mädchenheimen waren oft Wäschereibetriebe angegliedert. Ebenso hatten die Zöglinge der geschlossenen Institutionen der Zwangsfürsorge für Jugendliche Zwangsarbeit zu leisten.

Das schlecht qualifizierte Personal war durch die hohen Belegungszahlen und das ungünstige Verhältnis von Kindern und Jugendlichen zu Betreuenden überfordert. Dies führte einerseits zu mechanischer, serieller Pflege, ohne viel Zuwendung zum einzelnen Kind in Säuglings- und Kleinkinderheimen, mit den entsprechenden Erscheinungen von Hospitalismus, sowie zu militärartigem Drill in den Kinder- und Jugendheimen, andererseits aber auch zu Misshandlungen und Gewaltexzessen, bis hin zur Vergewaltigung.

Quelle: Kinderheime-Schweiz


SCHWABENKINDER

Register der fremdplatzierten Schwabenkinder
Register der fremdplatzierten Schwabenkinder
Als Schwabenkinder oder Hütekinder wurden die Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein bezeichnet, die alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben zogen, um dort als Arbeitskräfte für eine Saison an Bauern vermittelt zu werden.
Das „Schwabengehen", das seine ersten Erwähnungen bereits im 16. und 17. Jahrhundert findet, erlebte im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Es wird geschätzt, dass damals jährlich fünf- bis sechstausend Kinder auf Höfen in der Fremde als Hütejungen, Mägde oder als Knechte arbeiteten. Hintergrund waren die äußerst geringen Bodenerträge und die damit verbundene Armut, die die Eltern dazu trieb, ihre zahlreichen Kinder in die Fremde zu schicken.
Die Wege aus Tirol und Vorarlberg bzw. aus der Schweiz nach Oberschwaben waren lang und beschwerlich. Für einen Teil der meist 5- bis 14-jährigen Kinder führte er über Bergpässe wie den Arlberg, die im März noch von Schnee bedeckt waren und die viele mit schlechtem Schuhwerk und dürftiger Kleidung zu überwinden hatten.
Meist war ein Erwachsener ihre Begleitperson, er sorgte dafür, dass sich die Kinder in warmen Ställen zum Schlafen niederlassen konnten und er auf den Märkten die Preise aushandelte.
Mit dem Bau der Arlbergbahn 1884 wurde die Reise für die Tiroler Kinder erleichtert.
Foto: Die Datenbank umfasst mehrere tausend Kinder, die aus Teilen der Schweiz, Tirol und Österreich nach Oberschwaben kamen.
Quelle: Schwabenkinder

SPAZZACAMINI

Spazzacamini, Kaminfeger, Kindersklaven
Spazzacamini

Im 19. und noch bis Mitte 20. Jahrhundert, verdingten mausarme Tessiner Familien ihre kleinen Buben für ein Trinkgeld nach Norditalien. Dort mussten die armen Kreaturen als «lebende Besen» Kamine putzen.

Die 8- bis 12-jährigen Buben waren von den Padroni, den Kaminfegern, deshalb begehrt, weil sie klein und schmal waren und deshalb die engen Kamine hochklettern und putzen konnten. Waren sie oben angelangt, mussten sie «Spazzacamini» rufen, um zu beweisen, dass sie tatsächlich die dunklen, stickigen Kamine hochgeklettert waren.
Die Arbeitsbedingungen waren katastrophal. Zu Essen hatten sie oft nichts und mussten um ein Stück Brot betteln gehen. Schlafen mussten sie in Ställen. Ihr Verdienst war mickrig.
Verdingt wurden die Buben im Winter, damit am Familientisch zu Hause in den Tessiner Tälern ein Maul weniger zu stopfen war. Damals herrschte im Tessin teilweise bittere Armut und in den Wintermonaten Hunger. Viele Kinder kamen vom Verzascatal, vom Centovalli und auch aus dem italienischen Val Vigezzo, der Verlängerung des Centovalli. 

Jedes Jahr im Herbst treffen sich im Val Vigezzo Kaminfeger aus der ganzen Welt; im Andenken an die Kaminfeger-Kindersklaven.

Quelle und Foto: Die Kaminfeger - Kindersklaven aus dem Tessin


KINDER DER LANDSTRASSE

Alfred Siegfried, Kinder der Landstrasse
Alfred Siegfried führte zeitweise über 250 Vormundschaften
Zwangsadoption war bei den Jenischen Kinder weit verbreitet. Es diente als Ethnische Säuberung
Wer war vom «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» betroffen?
Zwischen 1926 und 1973 wurden Hunderte von Kinder aus fahrenden Familien von Pro Juventute mit Hilfe der Behörden weggenommen und versorgt. Rund die Hälfte der Kinder stammte aus dem Kanton Graubünden. Besonders betroffen waren auch Familien aus den Kantonen Tessin, St. Gallen und Schwyz.
Die «Vaganten» galten als unfähig, ihre Kinder zu «brauchbaren Gliedern» der Gesellschaft zu erziehen.
Deshalb erregten nicht nur fahrende, sondern auch sesshaft gewordene «Vagantenfamilien» die Aufmerksamkeit der Pro Juventute. Auch ihnen wurden die Kinder weggenommen, um sie zu arbeitsamen und pflichtbewussten Bürgern zu erziehen. Wie aus den Akten hervorgeht, stammte mehr als die Hälfte der von Pro Juventute versorgten Kinder aus unvollständigen Familien. Sie waren also entweder Halbwaisen, ausserehelich geboren oder ihre Eltern hatten sich scheiden lassen.
Warum durften die Eltern mit ihren Kindern keinen Kontakt mehr haben?
Die strikte Trennung der Kinder von ihren Eltern wurde als Voraussetzung angesehen, dass sich die Kinder rasch an ihre neue Umgebung anpassten. Viele Pflegefamilien waren nur dann bereit, Kinder aufzunehmen, wenn die Eltern keinen Anspruch mehr auf ihre Kinder erhoben und die Möglichkeit einer späteren Adoption bestand.    

Alfred Siegfried behauptete wiederholt, dass die Eltern das Interesse an ihren Kindern schnell verloren hätten. In den Akten zeigt sich jedoch ein anderes Bild. So wurde den Eltern in mehreren Fällen der Kontakt zu ihren Kindern mit der  Begründung verboten, sie übten einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder aus.      

Wie viele Kinder aus fahrenden Familien wurden weggenommen?
Bereits im 19. Jahrhundert waren Kinder aus fahrenden Familien ihren Eltern weggenommen und gemeinnützige Gesellschaften mit der Versorgung der Kinder betraut worden. Dem Kampf gegen die fahrende Lebensweise hatten sich weitere private Organisationen verschrieben, so zum Beispiel das Seraphische Liebeswerk. Zudem waren verschiedene Behörden daran interessiert, fahrende Familien aufzulösen. Die gesamte Anzahl fremdplatzierter Kinder jenischer Herkunft kann ohne Einsicht in die entsprechenden Akten nicht beziffert werden. 
Wo wurden die «Kinder der Landstrasse» von Pro Juventute untergebracht?
Pro Juventute beabsichtigte, die ihr Anvertrauten Kinder aus fahrenden Familien in rechtschaffenen Pflegefamilien unterzubringen. Doch schon bald zeigte sich, dass sich nicht genügend Familien finden liessen, die zur Aufnahme eines solchen Kindes bereit waren. Über 80 Prozent der Kinder wurden schliesslich in Kinderheimen und Erziehungsanstalten untergebracht.
Die meisten «Kinder der Landstrasse» wurden von Experten begutachtet. Über 100 Mündel wurden dafür in Beobachtungsstationen und psychiatrische Kliniken eingewiesen. Aufgrund ihrer Abstammung galten die «Vagantenkinder» als erblich belastet und wurden Vorwiegend in Heimen für schwererziehbare oder minderbegabte Kinder untergebracht. Entsprechend wenige besuchten später die Sekundarschule. Ebenso konnten nur wenige eine Lehre machen. Die meisten arbeiteten nach der Schule als Knechte und Mägde bei Bauernfamilien oder als Dienstboten in privaten Haushalten.
Die Fremdplatzierung brachte keine Verbesserung. Im Gegenteil, den Kindern mangelte es in den Heimen an Zuwendung. Sie wurden oft geschlagen und aufgrund ihrer Herkunft benachteiligt und ausgegrenzt.

AMTLICH VERORDNETE ABSCHIEBUNG INS AUSLAND

Kein Wunder, dass die Behörden in manchen Gemeinden dem Auswanderungswunsch nach Kräften nachhalfen. Die Grenzen zwischen staatlich unterstützter Auswanderung und Abschiebung waren fliessend; besonders arbeitsunfähige oder kriminelle Bürger wurden gern mittels Landesverweis zur Emigration gezwungen. Nicht wenige dieser unerwünschten Arbeitsunfähigen, Kranken oder Alten kamen bereits während der Überfahrt ums Leben. 

Die Auswanderer aus Rothrist überlebten die beschwerliche Reise, doch am Ziel stiessen sie auf Ablehnung: Als sie am 1. Mai 1855 nach 46 Tagen Überfahrt in New Orleans ankamen, wurden Sie nicht an Land gelassen.

Arm, Kulturfremd, schlecht Qualifiziert: Als wir Schweizer noch selber Wirtschaftsflüchtlinge waren

Massenauswanderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts: Emigranten nach Übersee aus der Schweiz, 1816-1953. Grafik: Rey, U. (2003). «Demografische Strukturveränderungen und binnenwanderung in der Schweiz 1850-1950».
Massenauswanderung ab Mitte des 19. Jahrhunderts: Emigranten nach Übersee aus der Schweiz, 1816-1953. Grafik: Rey, U. (2003). «Demografische Strukturveränderungen und binnenwanderung in der Schweiz 1850-1950».

Aktualisiert am 23. Januar 2017