Adoption, resp. Zwangsadoption und missglückte Adoption sind noch immer

ein Tabuthema und sie als Form der fürsorgerischen Zwangsmaßnahmen zu erforschen,

ist auch deshalb notwendig, um den Betroffenen die Würde ihrer erlittenen Erfahrung zurückzugeben und ihre Zeugenschaft ernst zu nehmen.

DIE ADOPTION IN DER SCHWEIZ, IM 19. JAHRHUNDERT

Besonders fortschrittlich zeigten sich einige kantonale Gesetze der Deutschschweiz, die das Wohl des Kindes als (wenn auch nicht immer vordringliches) Ziel der Adoption betrachteten. Sowohl das Zivilgesetzbuch für den Kanton Solothurn von 1841 als auch das Zürcherische Personen­ und Familienrecht von 1853 waren auf die Interessen des Kindes bedacht. Eine geradezu revolutionäre Regelung beinhaltete der Basler Stadtrechtsentwurf aus dem Jahre 1865:

Der Gesetzesredaktor Andreas Heusler sah die Adoption als reines Fürsorge­ und Erziehungsinstrument zugunsten von Kleinkindern.

Deshalb gestattete der Entwurf die Adoption nur durch ein Ehepaar und nur von Kindern, die das zwölfte Altersjahr noch nicht vollendet hatten.
Der Entwurf wollte mit anderen Worten die bis anhin vorherrschende Erwachsenenadoption verbieten. Wegen seiner Orientierung auf das Kindeswohl kannte er zudem auf der Seite der Adoptiveltern weder eine Mindestaltersgrenze noch das Erfordernis der Kinderlosigkeit. Auch wenn der Entwurf nie Gesetzeskraft erlangte, beeinflusste er die späteren Gesetzgebungsverfahren im In­ und Ausland, und gilt bis heute als eines der modernsten Adoptionsrechte.

Stadtarchiv Thun. 1959 links der Neubau, rechts das alte Mutter Kind Heim Hohmaad
Stadtarchiv Thun. 1959 links der Neubau, rechts das alte Mutter Kind Heim Hohmaad

FRAUEN OHNE RECHTE

1900 war die Frau praktisch noch völlig rechtlos, denn das neue Zivilgesetzbuch, das ihr wenigstens einige persönliche Rechte zugestand, wurde erst 1912 eingeführt.

Umso dringender stellte sich die nach Hilfe für die "Illegitimen" = unehelichen Kinder, zumal ein staatliches Sozialnetz nicht existierte. Hilfe und Schutz für Mütter in allen Fällen, wo der zur Mutter gewordenen Frau, der nötige Schutz fehlt. Sei es, dass sie unehelich ein Kind gebor, sei es dass sie eheverlassen ist, dass war der Privatinitiative von Frauen überlassen.

Staatsrechte hatte die Frau damals keine, denn das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz erst 1971 eingeführt.

Heute ist die Gleichstellung wenigstens auf dem Papier verankert und auf einigen Gebieten vollzogen.

Die Gynäkologie und Geburtshilfe lag 1900 noch ganz in Männerhand.

Man propagierte die Geburt in der Klinik und kam ab von der Hausgeburt. Aber es standen noch kaum medizinische Möglichkeiten zur Verfügung. Schmerzmittel gab es praktisch keine, und ein Kaiserschnitt war eine unendlich schwierige und gefährliche Prozedur.

Frauenverein Zürich
Frauenverein Zürich

MUTTER-KIND-HEIME

1908 wurde in der Stadt Zürich von einigen initiativen und gebildeten Frauen ein Verein für Mutter- und Säuglingsschutz gegründet, der sich der damals vollkommen rechtlosen "gefallenen Mädchen" - der unverheirateten jungen Mütter also, annehmen wollte. 

Diese Pionierinnen richteten ein Mütterheim ein. Das sich zu einem Gebärhaus mit Kinderheim und für die Mütter eine Anlehre zur Hauswirtschafterin anerbot. Schliesslich entwickelte es sich zu einer Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe mit angegliederten Sozialinstitutionen, wesen auch Schwestern ausbildeten.

Im laufe der nächsten Jahre enstanden in anderen Kantonen, auch durch Frauen iniziert, so etwa Basel, Appenzell, Thurgau, Luzern, Thun, weitere solche Mutter-Kind Institutionen. Sie waren wichtige Stützpfeiler, insbesonder in und nach den Kriegsjahren, sowie in den Babyboomjahren, den 50ger und 60ger Jahren. Mitte 70ger Jahren mussten viele Institutionen schliessen. Mit ihrer Schliessung wurden auch Akten, also ihre Sozialgeschichte vernichtet. So besteht heute nur noch die Oral History von Frauen, die dort gebären, zwangssterilisiert und unter Druck ihr Kind zwangsadoptiert wurde.

Der Rückgang von geschützten Geburten hat folgende Gründe. Alleinerziehende werden heute nicht mehr so stark ausgegrenzt wie beispielsweise noch bis in die 80ger Jahren.

Und die Behörden setzen im Zusammenhang mit Adoptionen keine Zwangsmassnahmen mehr durch.

Zudem sind heute sehr viele Hilfsangebote vorhanden, so dass Alleinerziehende nicht mehr gezwungen sind, ihre Kinder wegzugeben. Und eine Adoption ist schwieriger geworden. Denn das Adoptionsverfahren ist sehr aufwändig und dauert entsprechend länger. 

Ein weiterer Grund für die Abnahme der Adoptionen ist aber auch bessere Verhütung sowie legale Abtreibungen.

 

Den Frauenverein und die Institution in Zürich gibt es unter dem Namen "Inselhof Triemli" noch heute und er hat seine grundlegenden Ziele, die Hilfe für Frau, Mutter und Kind, trotz im Laufe der Vereinsgeschichte, es mehrmals zu existenziellen, finanziellen und politischen Herausforderungen gekommen ist, und Verwicklungen in eugenische Debatten, sowie Zwangsadoptionen, wurden diese jeweils mit grossem Engagements der Mitglieder und in Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand gemeistert und konnten bereinigt werden.

Für Opfer dieser Institutionen ist es keineswegs bereinigt.

1912 KINDESANNAHME - 1973 ADOPTION

In der Schweiz des 20. Jahrhunderts hatten Adoptionen eine Phase der Hochkonjunktur, die mit der Zeit, in der "fürsorgerische Zwangsmaßnahmen" besonders intensiv eingesetzt wurden, sich jeder auf kosten der Babys und Kinder zu bedienen scheint.
Während es vor 1912 kaum Adoptionen gab, erreichte sie nach dem ersten und zweiten Weltkrieg und in den 50ger und 60ger Jahren einen Spitzenwert.
Lag die Anzahl an Adoptionen im Jahr 1974 noch bei 3447 und vorwiegend Inlandadoptionen, so fiel sie seither auf unter 400 Adoptionen im Jahr, wesen vorwiegend Auslandadoptionen sind.
Plakat 2015
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Adoption

Plakat 2016
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Aktualisiert am 17. Februar 2016