AHNENFORSCHUNG KANN SEHR VIEL LEID ANS TAGESLICHT BRINGEN

STIGMATISIERUNG FINDET ÜBER GENERATIONEN HINWEG STATT

Nur ein Beispiel:

Obwohl meine Ur-Ahnen stehts unter widrigen Umständen arbeiteten, haben sie sich nie beklagt. Meine Ur-Großmutter erhielt durch ihren zweiten Mann, den Schweizerpass, aber nicht die Tochter aus erster Ehe, dessen italienischer Vater an der Staublunge verstorben ist.

Mir wurde bis in die 80ger Jahre des 20. Jahrhunderts oft nach gerufen: „Tschinggelämoorä, wotsch a d’Ohrä, Schutt i Arsch, Abmarsch,“. (Was heißt: Tschinggensau, bekommst ein Klapf an die Ohren, Fusstritt in den Po und ab in dein Heimatland) – oder „Diä Tschinggä, diä Keibä, diä frässä üsäs Brot. Äs Mässer i Ranzä u scho si sy doot,“ (was heißt: Die Tschinggen die Halunken, die nehmen unsere Frauen, fressen unser Brot und Geld. Ein Messer in den Bauch und schon sind sind sie tot).

 

CINQUE!

Tschingg – der Begriff geht auf das Fingerspiel Mora zurück, das von den italienischen Einwanderern damals oft und gern gespielt wurde. Es ähnelt dem Spiel «Schere, Stein, Papier»: Zwei Spieler schnellen die Faust vor, zeigen mit den Fingern eine Zahl und raten lauthals die Summe – oft ist es die Fünf - Cinque, in schweitzer Deutsch "Tschingge" tönt.

"Tschingg" ausgesprochen von nicht Italienern, ist eine Abwertung für Italiener. Mit nachgemachtem italienischem Akzent, fühlt es sich doppelt beleidigend an. Auf Rehabilitierung und Anerkennung warten noch immer sehr viele Generationen. Heute sind die Italiener die Lieblingsausländer. Und längst ein Teil von uns Schweizern.

 

ABER WIE VIEL SCHWEIZER STECKT EIGENTLICH IN IHNEN?

Einige finden, Heimat ist dort, wo man geboren ist. Andere: Heimat ist dort, wo das Herz lacht. Augusto Capozzi sagt: "Heimat ist dort, wo man Arbeit hat und ein gutes Leben führen kann." Augusto Capozzi ist 72 Jahre alt und braun gebrannt; von den Ferien in Ägypten. Reisen ist das Hobby von ihm und seiner Frau. Und reisen tun sie nur mit dem Schweizer Pass. Nicht mit dem Italienischen. "Man wird einfach besser behandelt", findet er. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen.


WENN ELTERN IN DER LAGE GEWESEN WÄREN ZU REDEN, HÄTTE DIE WORTLOSE, ABER NICHT BEWUSSTE WEITERGABE DES BELASTENDEN NICHT STATTGEFUNDEN 

Ausschnitt aus der Gesundheitssendung: Das weitergegebene Trauma


UR - GROSSELTERN

Gotthardeisenbahntunnel 1872-1880
1872-1880 Bau des Gotthardeisenbahntunnel

Meine Großeltern, Sophie und Ernst Brönnimann, waren sehr arme Leute, die einst in Frenkendorf/BL wohnten.

Sophie kommt aus einer Arbeiterfamilie, ihr Großvater Mütterlicherseits, (mein Ur-Ur-Großvater) kam mit Frau und 8 Monate alter Tochter, einst aus dem Italien. Bot hier seine Arbeitskraft im Gotthard-Eisenbahntunnel von 1873 an. Dabei starb er an den Spätfolgen der Staublunge.

Die Diskussion um die Anzahl Toten ob 177 oder 199 ist endlos und basieren auf den Unfallprotokollen, wesen die Gotthardbahn-Gesellschaft im Auftrag Italiens erstellen musste. Personen, die wegen der Hakenwurmkrankheit, Staublunge und erst einige Zeit danach starben, kommen in diesen Zahlen nicht vor.

Meiner mittellosen verwitweten Ur-Ur-Großmutter blieb nichts anderes übrig als im Service und andere Gelegenheitsarbeiten zu verrichten. Selbst als sie einen Schweizer heiratete, blieb sie und ihre Tochter (meine Ur-Großmutter aus erster Ehe), die fremden mysteriösen Italienerinnen. 

Die Tochter (Ur-Großmutter), nun 16 Jahre Jung, heiratete einen Maurer, Sie erhielt 1933 von der Schweizerregierung, die schweizerische Staatsbürgerschaft und zwei Gedenkmünzen und ein Brief, wesen die Arbeitsanerkennung von meinem Ur-Ur-Großvater bezeugt und bedankt, aber kein Wort der Entschuldigung ausdrückt.

 

Die mündlichen Quellen meiner Ahnen sterben dahin. Was bleibt sind die Gedenkmünzen und der Brief, welcher eines von vielen Schicksalen belegt. Diese Andenken sind noch heute im Familienbesitz, wesen ich 2015 an der Ausstellung "Niemands-Kinder" präsentieren durfte.

Grosseltern
Grosseltern

GROSSMUTTER

Warum Sophie, meine Großmutter verdingt wurde, weiß aus der Verwandtschaft niemand. Sophie diente dem Pfarrer als Hausmädchen. Dieser machte sich über die 15. Jährige Sophie her und sie wurde Schwanger. Damit nichts an die Öffentlichkeit kam, wurde die Hochzeit - Zwangsehe arrangiert.

Der Pfarrer stellte den Ehemann, bezahlte Hochzeit und später die Hebamme, damit war seine Schuld beglichen.

 

GROSSVATER

Mein Großvater Ernst war ein Waisenkind. Wurde als Schwachsinnig betitelt und verdiente sein unterhalt als Maurer. Er war ein strenger Ehemann und Vater. Mehr ist unbekannt, weil seine Kinder, meine Tanten ihn wegen des zweiten Weltkrieges kaum in Erinnerung haben, wie er vor dem Einzug war.

Sophie verdiente zusätzliches Geld als Näherin in der Fabrik. Vreni, die Tochter aus der Vergewaltigung mit dem Pfarrer, war sehr viel älter als ihre 5 Geschwister aus der Ehe mit Ernst.

Die Familie wurde von der Armenbehörde schon immer beobachtet. Großvater und Großmutter fanden die passenden Worte, so konnten die 6 Kinder bei den Eltern bleiben.

Mutter Rosina 1935-2014
Mutter Rosina 1935-2014

MUTTER 

Am 22. September 1935 erblickte meine Mutter Rosina in Frenkendorf/BL, als viertes Kind von sechs Kinder, das Licht der Welt. Mutter lernte schon als Kleinkind bei Hausarbeiten mit anzupacken.

 

Durch die Abwesenheit meines Großvater Ernst, der in die Armee einbezogen wurde, (dafür galt er nicht als Schwachsinnig),  geriet Großmutter Sophie noch in tiefere Geldnot. Die älteren Kinder, die Arbeit gewohnt waren und den einen oder anderen Rappen zum Haushaltungsgeld nach Hause brachten, wurden durch die Armenbehörde der hilfesuchenden Mutter weggenommen und zu Bauern und Pfarrleute platziert. Sophie stand mit den zwei kleinen, die noch nicht mit anpacken konnten, alleine da. Sie musste zusehen wo sie das Geld für Nahrung erhielt. Die Armenbehörde unterstützte sie nicht.

Einer meiner verdingten Onkels warf sich im Kanton St.Gallen vor den Zug, welcher ihn erfasste und er noch am Unfallort verstarb. Der andere Bruder meiner Mutter, welcher auch verdingt war, starb mit 24. Jahren. Ursache ist unbekannt. Die ältere Schwester meiner Mutter, ebenfalls verdingt, hat ihr Traumata bis heute noch nicht verarbeitet. Kinder hat sie keine, dafür kann sie von gescheiterten Ehen und etlichen Fehlgeburten berichten.

 

Wenn ein Elternteil schwer Krank war oder starb, Männer in den Krieg zogen und die Armut zunahm, war es gang und gäbe, dass die Armenbehörde der einfachste Weg wählte. Die Verdingung der Kinder und Zwangsarbeit für Eltern, sich aus der sozialen Verantwortung zu ziehen.

Bauer und/oder Pfarrer erhielten für das aufgenommene Kind ein minimales Kostgeld. Den Rest könne das Kind mit eigener Arbeitskraft mit ein wirtschaften, hieß es. Dieses minimale Kostgeld hätte meiner Großmutter für Nahrung und Kleidung der Kinder gereicht. Sophie beschwerte sich, das die Familie auseinander gerissen wird. Sie war Arm, aber dennoch legt sie viel Wert darauf, das ihre Kinder Bildung und Anstand erhalten. Dies soll nun andere bestimmen.

 

Meine Mutter kam mit 13 ½ Jahren, in Frenkendorf zum Pfarrer und ab sofort konnte sie die Schule nicht mehr besuchen. Mutter war eine sehr gute Schülerin und ging gerne zur Schule. Wollte eine Ausbildung machen. Aber nun diente sie als Mädchen für alles im Haus und Garten des Pfarrers, wie es ihre Mutter auch schon tat. Der Pfarrer missbrauchte meine Mutter. Mit 17 Jahren war sie schwanger. Damit die Tat und Schwangerschaft nicht auskam, wurde  Mutter 1953 mit einem „Dorfbekannten Taugenichts“ Zwangsverehelicht. 

Konfus an der Tat ist, dass derselbe Pfarrer, der schon meine Großmutter als Minderjährige schwängerte, auch meine Mutter missbrauchte und beide vermählte um die Tat zu vertuschen.

 

Am 2.8.1953 kam das Kind aus der Vergewaltigung, in Aarau/AG zur Welt. Mutter war noch nicht Volljährig. Der Ehemann von Mutter anerkannte das Kind als seine Tochter an. Da es in Aarau mit der Gemeinde Probleme gab, zog man um. Trotz Gewalt in der Ehe kam am 27.11.1956 mein Halbbruder, in Lütisberg/SG zur Welt. Kurz darauf wurde die Ehe geschieden. Die Kinder blieben bei den Eltern des Vaters und Mutter wurde mit Gespött, als „leichtes Mädchen“ verjagt.

 

Zu damaliger Zeit war es immer die Schuld der Frau, wenn es zur Scheidung kam!

 

Im Kanton Zürich fand Sie in einer Fabrik eine Anstellung und 1961 lernte Sie einen Mann kenn, der ihr die Heirat versprach. Leichtgläubig kam es zum Beischlaf und am 13.6.1963 kam meine Halbschwester, in Stallikon/ZH auf die Welt. Der Vater stritt die Vaterschaft ab. Damit man Mutter das Kind nicht wegnahm, zog Sie von Stallikon in den Kanton Bern, nach Mamishaus. Sie arbeitete als Serviertochter und Küchenhilfe. Die Tochter war bei der Kinderlosen Wirtin, Frau Krenger gut aufgehoben und stets in der Nähe von Mutter.

Wegen des Gespötts im Dorf, suchte sie nach einem lieben Mann und Vater für ihr Kind und fand in meinem Vater, Louis Gili, die erste wirklich grosse Liebe; wie sie mir am Sterbebett 2014 gestand.

Vater Louis 1926-2012
Vater Louis 1926-2012

VATER

Louis Gili, mein Vater, war 1926 in Frankreich geboren. In den Nachkriegsjahren eröffneten in Paris unzählige kleine Theater. Auf den manchmal winzigen Bühnen in Cafés und Hinterzimmern tummelten sich Sänger, Poeten und Schauspieler, unter ihnen auch mein Vater Louis. Trotz Gesangs Talent des französischen Chansons Liebhaber, hoffte Louis vergebens auf eine Kariere als Sänger. So zog er in die Schweiz und war als Bauarbeiter Tätig. Am Sonntag spielte er zu Hochzeiten und Feste Handharmonika und sang dazu. An solch einem Fest lernte Mutter ihn kennen.

 

Mein Vater, lebte 1965 von Ehefrau und ihren vier Kindern getrennt. Verhütungsmittel konnte sich weder Mutter noch Vater leisten und noch vor seiner Scheidung kam ich auf die Welt.

 

Am 5. 11. 1965, bei meiner Geburt nahm die Vormundschaftsbehörde Schwarzenburg/BE mich und die 2. Jährige Halbschwester, der Mutter weg, weil es eine Schande war unverheiratet zu gebären. Louis hat sich vorerst nach Frankreich verdrückt. Meine Halbschwester kam zu Pflegeeltern und ich ins Mutter-Kindheim Hohmaad in Thun.

Noch im Wochenbett sollte Mutter die Adoptionsfreigabe für uns unterschreiben. Was Sie nicht tat. 

 

Man versprach Mutter, bei "Heirat und guter Führung," bekomme Sie uns Kinder zurück!

 

Weil Louis Gili; mein Vater, für vier Kinder und seine Ex-Frau Alimente bezahlen musste, konnte er sich keine Hochzeit leisten und zunehmend verstritten sich meine Eltern und jedes ging seinen eigenen Weg. Louis stritt darauf meine Vaterschaft ab.

 

Mutter zog etliche male um, weil ihr die Arbeit gekündet wurde. Heute weiß ich, dass mein Beistand sie bei den Arbeitgebern schlecht redete. Sie heiratete 1969 einen Mann, der drei Buben mit in die Ehe brachte und ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Trotz Heirat erhielt Mutter ihre Kinder nicht zurück, aufgrund des schlechten Leumunds, wesen man Ihr nachwarf. 1969 gebar sie einen Sohn und 1970 erblickten die Zwillingsmädchen das Licht der Erde. Die drei gemeinsamen Kinder aus dieser Ehe, nahm man ihr bei der Geburt auch weg.

 

"Unfähig Muttergefühle zu zeigen", war der Grund der Wegnahme. Aber gut genug, um die drei Knaben, wesen ihr zweiter Ehemann mit in die Ehe brachte, gross zu ziehen.

Verstehet diese Gesinnung einer?

 

Bis 1971 wurde Mutter massiv unter Druck gesetzt, zur Adoption von uns Kindern. Sie kämpfte für ihre Kinder und Unterschrieb nie etwas. Das Gesuch für meine Zwangsadoption stellte schlussendlich mein Vormund, Hans Zehnder, mit einer List, am  2.12.1971 an meinen Vater Louis Gili. Damit die Gemeinde Wahlern/BE und meine Heimatgemeinde Degersheim-Magdenau/SG mit Kostgeld entlastet werden, wurde mein leiblicher Vater unter Druck gesetzt und da es ihm finanziell schlecht ging, unterzeichnete er.

 

Mein Vater musste, trotz Adoption bis 1978 Kinderalimente bezahlen. Zudem holte der Vormund bei den Arbeitgebern, über Mutter und Vater stets Referenzen ein und stellte diese jeweils so schlecht hin, dass meine Eltern andauernd die Arbeitsstellen verloren. Weil die Arbeitgeber nicht in Verruf mit solchem Lumpenpack kommen wollten.

 

MEINE ZWANGSADOPTION

Am 7. Februar 1972  vollzog der Regierungsstatthalter Walter Hähni von Bern und Schwarzenburg und Mitgründer und erster Präsident der Stiftung Bernaville von Schwarzenburg, die Zwangsadoption. Darauf erlitt Mutter einen Herzinfarkt und den zweiten, nach der Diagnose, dass sie bei der Geburt von den Zwillingen Zwangssterilisiert wurde, als sie in Narkose lag.

1974 wurden die Zwillinge aus zweiter Ehe, von einem Graubündner Bauernehepaar adoptiert und erhielten wie ich, andere Vornamen. Mutter erhielt nur zu einem von ihren 7 Kindern, an jedem zweiten Wochenende kontakt. Ansonsten wurde ihr zu uns Kindern jeden kontakt verweigert.

 

Am Sterbebett stellte Mutter unter Tränen eine Frage, die ich nicht beantworten kann.

»Warum? Warum hat man mir das Angetan? Warum liess man mich nicht einfach Mutter sein, wie andere auch?«